Leben in einer Gastfamilie

von Tim Dackermann

Ankunft
9.30 Uhr - das Flugzeug landet mit zweistündiger Verspätung in Auckland / Neuseeland. Dank dem Schild, dass meinen Namen in großen Lettern aufweist, ist Catherine Mccarthy schnell gefunden. Nun nur noch eineinhalb Stunden Autofahrt nach Hamilton, dann ist die vor zwei Tagen begonnen Reise vorbei. Das Abenteuer Neuseeland hat jedoch gerade erst begonnen...

Die Familie
Zuhause angekommen erwarten mich voller Spannung Catherines Kinder Oliver (11), Adam (14) und Lily (16). Ihr Haus liegt am Rande von Hamilton. Kühe und Schafe grasen auf den Feldern neben dem Anwesen. Dass die drei Kinder nicht in der Schule sind, fällt mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf. Erst Tage später erfahre ich von der Homeschool in Neuseeland: Dabei übernimmt mindestens ein Elternteil die Rolle des Lehrers und gibt somit sein Wissen an die Kinder weiter. Natürlich gibt es gewisse Richtlinien. Doch ist die Gestaltung Elternsache. Anstatt also zur Schule zu gehen, bleiben die Kinder zuhause und werden dort in allen möglichen Bereichen unterrichtet. So lernt beispielsweise Lily neben Rechnen und Schreiben, wie Silberringe hergestellt werden. Adam und Oli dagegen bevorzugen den Gitarreunterricht vom Vater Jim. Am Abend kommt Jim von der Arbeit. Er ist Musiker und hat ein kleines Tonstudio.

Das Leben
Die ersten Wochen verstreichen. Ich helfe beim Hühnerfüttern, lerne vegetarische Rezepte, begleite die Familie auf Wochenendtrips durch verschiedene Nationalparks und gehe gelegentlich nach Raglan, wo ich mit dem Wellenreiten begonnen habe. Langsam komme ich dem neuseeländischen Leben näher und entdecke die feinen Unterschiede: Ich kam mit der Meinung, das Leben in Neuseeland entspräche weitgehend dem in Europa – nicht zuletzt wegen der engen, englischen Verbindung – doch wurde ich eines Besseren belehrt. Durch Distanz und Isolation von den 'großen' Kontinenten hat sich die neuseeländische Mentalität anders entwickelt. Eine Eigenschaft, die mir ziemlich schnell auffiel, die ich bis heute bewundere und versuche zu übernehmen, ist die Großzügigkeit der Neuseeländer. Sei es ein kaputtes Auto, die Frage nach schönen Wanderwegen oder das Interesse am Gitarrenunterricht, man findet immer ein offenes Ohr. Eng damit verbunden ist auch die Freundlichkeit, die Fremden, und damit sind nicht nur Ausländer gemeint, entgegengebracht wird. Bei jedem Einkauf wird gefragt, wie es heute geht. Auf der Straße wird sich gegrüßt.

Ich verbringe Zeit im Tonstudio von Jim. Er zeigt mir seine Kompositionen und in welchen Liedern seine Kinder auftreten. Sein Lieblingsinstrument ist die Ukulele. Mit ihr kann er jedes Lied imitieren. Auf meinen Vorschlag hin sind wir gerade dabei, 'Das Lied vom Tod - Ennio Morricone' vom Film 'Spiel mir das Lied vom Tod' für die Ukulele umzuschreiben. Jim hat mehrere CD herausgebracht. Vielleicht wird 'Das Lied vom Tod' Teil der neuen Platte.

Ich habe meiner Gastfamilie vieles zu verdanken. Sie hat mir geholfen, die ersten schwierigen Wochen, in denen mir Land und Leute fremd waren, zu meistern. Catherine und Jim haben mich auf Ausflüge mitgenommen. Dabei habe ich Neuseelands Vielfalt und Landschaftswunder kennen gelernt. Sie haben mir eine neue Lebenseinstellung gezeigt, in der es nicht auf Planung und Kontrolle, sondern auf das Leben in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, ankommt: „Why worrying about tomorrow? It'll becomes different, anyway than you expect...“

Catherines Traumland hat Einfluss auf den Alltag in der Familie: Das Leben ist zeitweise indisch geprägt. So gibt es an Adams Geburtstag 'rice and dhal' mit verschiedenen anderen indischen Spezialitäten. Während die Speisen in der Mitte auf Teppichen ausgebreitet sind, sitzt die Familie im Kreis herum. Das Geburtstagskind darf beginnen. Natürlich wird wie in Indien mit Händen gegessen.

Fazit
Meine Gastfamilie hat mir ein neues Zuhause in einem fremden Land gegeben. Ich habe viel gelernt und werde manches davon für mein weiteres Leben übernehmen. Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, Weihnachten im Sommer! Oliver, Adam und Lily können schwimmen gehen. Natürlich beinhaltet die Homeschool auch Schulferien. Ich freue mich auf meine verbleibende Zeit und kann jedem nur nahe legen, selbst für ein Jahr ins Ausland zu gehen.

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