Wenn ein weisshaariger Mann, in seinem modrigen Sessel sitzt, russische Eiskunstlaufvideos kuckt und behauptet, an einem der dunkelsten Orte der Welt zu wohnen, möchten wohl die wenigsten hier sein. Wer allerdings Great Barrier Island kennt und weiss, dass genau dieser beschriebene Platz, das Haus von Jim, sich dort befindet, wuerde vielleicht doch gern mit ihm tauschen.
Great Barrier Island ist wie eine Reise in die Vergangenheit der Neuseelaender und ihrer Kultur. Wenige Menschen, nur 1200, leben hier verteilt ueber eine unberuehrte Busch und Berglandschaft. Den eigentlichen Namen der Insel, „Aotea“, erhielt sie nach dem Kanu der Polynesier, die vor rund 1000 Jahren, hier gelandet sind. Die gelaeufigere Bezeichnung Great Barrier Island stammt vom Seefahrer Cook. Und das nicht ohne Grund: Schon von der Ferne erkennt man eine grossflaechige, zerklueftete Bergkulisse, uebersaeht mit reichhaltigem Regenwald...
Den Tramline Track entlang
Unsere Reise fuehrte uns am Freitagnachmittag von Auckland 90 km ueber den Hauraki Gulf auf die Insel. Geschippert sind wir fuer $75 mit Subritzky Line, das einzige Faehrunternehmen, was im November nach Great Barrier faehrt (Fuller operiert bloss zur Hauptsaison von Dezember bis Februar).
Einmal angekommen standen wir erst mal ziemlich daemlich da, denn der Campingplatz, wo wir urspruenglich die erste Nacht schlafen wollten, eine Vorreservierung beansprucht. Doch ist man dank der freundlichen Kiwis noch lange nicht aufgeschmissen, wenn mal was nicht funktioniert. Wir sind dann mit der Schiffscrew in die Social Club gefahren und haben so warscheinlich ein Stueckchen Great Barrier Kultur kennen gelernt, wie sonst wohl die Wenigsten: In mehreren Raeumen mit Sesseln, Tischen, Stuehlen, einer Bar und Billardtischen tranken und sangen alte wie junge Bewohner von Great Barrier, kleine Kinder sprangen zwischen ihren Fuessen hin und her und im Radio liefen Oldies. Und obwohl sich dort wohl selten ein Fremder hinverirrt (oder gerade deshalb), wurden wir freundlich aufgenommen, haben uns unterhalten und Bier getrunken. In einer Art Kuehlschrank standen verschieden grosse Bierglaeser und je nachdem, wie gross der Durst und der Geldbeutel war, nahm man sich ein Glas und gab es dem Wirt zum Abfuellen.
Sicht von Whangaparapara
Geschlafen haben wir die Nacht bei einem alten Pilot namens Jim. Nahe seinem Pfahlhaus haben wir unser Zelt aufgeschlagen und uns sein Grundstueck mit Huehnern, Kuehen, alten Autos und einem ziemlich lauten Generator geteilt. Da es auf der Insel keine Elektrizitaet gibt, konnten wir erst schlafen, nachdem auch Jim den Generator ausgestellt hatte.
Uebrigens, die Sorge auf der Insel nicht voranzukommen ist voellig unbegruendet. Die Leute sind unheimlich freundlich, nehmen einen gern ein Stueck in ihrem Auto mit und, wem das doch zu unsicher ist, es gibt auch einige Shuttlebusse, Taxis und Mietauto.
Wir sind an dem Samstag vormittag ohne Probleme nach Whangaparapara gekommen. Ein handgemaltes Schild: „Welcome in W., Population 45“ ist das Einzige, was einen erkennen laesst, dass es sich hier um ein Dorf, dass heisst, ein paar einzelnen Hausschen, eine Bootsanlegestelle und eine Lodge ( Uebernachtungsmoeglichkeit mit Dusche, WC und Kiosk) in einer kleinen Bucht handelt. Der Zeltplatz (Green Site Campingground) liegt am anderen Ende dieses Wassers, ist allerdings eher ein idyllisches Fleckchen Wiese mit Toilettenhaus, als ein Campingplatz.
In den Waeldern um Whangaparapara beginnen eine ganze Menge Wanderwege (Tracks) ins Innere der Insel. Wir sind an dem Tag noch den Tramline Track entlang zu den Hot Springs gelaufen. Vorbei an hohen Palmen und Farnenbueschen, ueber Bruecken und durch kleine Fluesse, staendig auf und ab war es eine sehr anstrengende und schlammige Buschwanderung. Die Kaitoke Hot Springs sind eigentlich nicht mehr, als ein Waldfluss, in den mithilfe von Steinen kleine „Pools“ gebaut wurden in die man sich reinlegen kann. Der einzige Unterschied ist, dass einen kein eiskaltes Bachwasser, sondern wunderbare Badewannentemperatur erwartet. Aufgrund der hohen vulkanischen Aktivitaet der Insel entspringen hier einige heisse Quellen, die in Verbindung mit den kalten Waldbaechen ein entspannendes Bad zulassen. Geradezu traumhaft sich nach einer anstrengenden Wanderung da reinzulegen.
Doch da Great Barrier Island nicht nur fuer die vielen Wanderwege sondern auch fuer seine Straende beruehmt ist, waren wir am Sonntag frueh noch am Medlands Beach (nahe Tryphena). Da es schon die ganze Nacht gestuermt und geregnet hatte, bot sich uns ein Naturschauspiel der besonderen Art. Obwohl Ebbe war, schossen riesige Wellen auf den Strand zu, zerbarsten an den vielen Felsen und liessen nichts ausser Muscheln und zwei staunenden Touris zurueck.